Die Gewinner*innen 2021

Die Gewinner*innen der GINCO-Awards 2021 wurden am 5. September 2021 online als Live-Stream von der Comic Invasion Berlin (CiB) bekannt gegeben.

Das Preiskomitee 2021, bestehend aus Kristina Gehrmann, Vanessa Ossa, Markus Pfalzgraf, Büke Schwarz und Ali Schwarzer zeichnete folgende Werke mit einem GINCO und je 300€ aus:

Bester Comic für junge Leser*innen

Der GEBURTSTAG von Thilo Krapp und Kami Wallner (erschienen in "Wer tanzt schon gern allein?", Peter Hammer Verlag)

Laudatio: „In Der Geburtstag, einer Kurzgeschichte von Thilo Krapp, begegnen wir dem Schüler Florian, der ohne Einladung auf der Kostüm-Geburtstagsfeier eines Mitschülers auftaucht -- verkleidet als Prinzessin, denn es gibt kein vorgegebenes Motto; doch er möchte auch (noch) nicht von diesem Mitschüler sofort als Florian erkannt werden. Mit viel Feingefühl berührt der Comic in Anlehnung an ‚Aschenputtel‘ komplexe Themen wie Gender, sexuelle Orientierung und Identität, kind- und altersgerecht in einer simplen, affirmativen Botschaft, ohne zu belehren: Du kannst sein, wer du willst, auch eine Prinzessin, und das ist okay! Thilo Krapps erzählerisch ausdrucksstarke, liebevolle Zeichnungen wirken sehr lebendig und vermitteln glaubhaft Mut und Unsicherheit der Hauptfigur. Gerade bei einem Kurzcomic zählt jedes Panel, und hier lassen sie sich flüssig lesen und vermitteln überzeugend wechselnde Umgebungen. Mit der stimmungsvoll-bezaubernden Farbgebung, von Kami Wallner (ein Zauberer mit Licht und Farbe!) wird das Ganze zu einem modernen Märchen mit Happy End.

- Kristina Gehrmann

Bester Webcomic

YOU von Hong Le (Webtoon)

 

Laudatio: „Der Webcomic YOU erzählt die Geschichte einer Jugendlichen mit asiatischem Aussehen, die mit Rassismus aufwächst und darauf nur auf eine Weise zu reagieren im Stande ist: mit dem Wunsch, nicht gesehen, nicht gehört zu werden. Erst eine Begegnung hilft ihr, zu erkennen, dass die Zeit gekommen ist, für sich einzustehen. Gezeichnet und geschrieben hat den Webcomic die in Leipzig aufgewachsene Illustratorin Le Trang Hong. In vier, nach den Jahreszeiten benannten Kapiteln erzählt sie, wie die Schülerin eines Tages einen Jugendlichen in ihrem Alter kennenlernt und – beeindruckt durch dessen Selbstbewusstsein und Zivilcourage – nach und nach lernt, dass sie sich gegen Rassismus wehren darf, gar muss: ‚I learned to stay silent. I learned to look away. But I must learn to unlearn.‘ Erzähltext und Zeichnungen dieses Comics gehen eine wunderbare Symbiose ein. Le erzählt gerade genug, damit die Bilder ihre Wirkung voll entfalten können. Während des Lesens des Comics kann man die Stille, von der die Protagonistin erdrückt zu werden droht, geradezu hören. Man kann die Ohnmacht spüren, mit der sie kämpfen muss, als sie bei einer Fahrkartenkontrolle wieder als Einzige auch noch ihren Ausweis vorzeigen muss. Le gelingt dies durch eine Panelkomposition, die dem Inhalt, wo nötig, Raum zu atmen gibt. Während die rassistische Erfahrung in der Straßenbahn mit anschließendem Schlagabtausch durch die dicht gedrängte Zeichnung Geschwindigkeit erfährt, stellt Le Isolation mit viel Freiraum zwischen den Panels dar: ‚This was the little world I lived in.‘ Noch etwas gelingt Le auf eindrucksvolle Weise: Obwohl Rassismus allgegenwärtig ist, webt sie die Erlebnisse so in die Geschichte ein, dass diese nicht von dem Thema erdrückt wird. So dürfen wir in YOU auch eine Protagonistin erleben, die mit etwas Unterstützung über sich hinauswächst.

- Ali Schwarzer

Bester Kurzcomic

HATTEST DU EIGENTLICH SCHON DIE OPERATION? von Peer Jongeling (Jaja Verlag)

Laudatio: „‚Hattest Du eigentlich schon die Operation?‘ Mit diesem sehr passenden Titel ist schon gesagt, worum es in dem Buch von Peer Jongeling geht: Die Comic-Kurzgeschichten behandeln unbedachte Fragen, und was sie bei Trans-Personen auslösen können. Nach einer Übersicht der wichtigsten Begriffe, die nicht belehrend daherkommt und die selbst themenaffine Menschen noch gut brauchen können, führen vier Hauptfiguren durch ihre Geschichten. Diese vier bringen ganz unterschiedliche Transgender-Themen mit, und spiegeln in ihren Gesichtern bei reduziertem Zeichenstil doch so viele Aspekte, dass sie auch bei den Lesenden ganz unterschiedliche Emotionen hervorrufen können. Wer sich darauf einlässt — was dank der sympathischen, zugänglichen Geschichten äußerst leicht fällt — kann lernen: Manchmal wäre es besser, eine klärende Frage zu stellen. Aber manchmal ist es genau das auch zu viel, und das ist völlig okay. Was Peer Jongeling wichtig ist: Dass die Geschichten fiktiver Charaktere mit wahren Geschichten aus dem eigenen Umfeld nur für sich stehen, dass sie also keinen Anspruch erheben, für (alle) Trans-Personen im Allgemeinen zu sprechen. Das funktioniert hervorragend. Und doch hat dieses Buch etwas Universelles: Es berührt Emotionen und Widersprüche, in denen sich viele Lesende mit oder ohne Erfahrung in Trans*-Themen wiederfinden oder zumindest Verständnis dafür lernen können. Und ganz abgesehen davon ist der kleine, so wichtige Band aus dem Jaja Verlag in einem schönen Dunkelblau gezeichnet und auf tollem Papier gedruckt, das sich einfach gut anfühlt. Die Jury ist sich einig: 5 von 5 Sternen. Oder vielleicht sogar 6.

- Markus Pfalzgraf

 

- Büke Schwarz

Bester Langcomic

ÜBER SPANIEN LACHT DIE SONNE von Kathrin Klingner (Reprodukt)

Laudatio: „In Kathrin Klingner’s Langcomic Über Spanien Lacht die Sonne prallen Welten aufeinander. Auf der einen Seite begleiten wir Protagonistin Kitty in ihrem Büroalltag. Diese Szenen zeigen eine gepflegte Unternehmenskultur, höflich, distanziert und klar durchstrukturiert. Die neuen Kollegen und Kolleginnen sind freundlich, sie haben lustige Spitznahmen und kleine Insiderwitze. Zur Mittagspause wird essen bestellt, am Freitag geht man gemeinsam aus. Es ist ein normaler Nine-to-Five-Job. Doch wenn wir Kitty dann bei der Arbeit zuschauen, tauchen wir in eine ganz andere Welt ein, denn Kitty moderiert Internetkommentare und entscheidet, was freigeschaltet oder gelöscht wird. Die Kommentare sind geprägt von rechtem Gedankengut und verbaler Gewalt. Verbale Gewalt, mit der sowohl Kitty und die anderen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ununterbrochen konfrontiert werden – verbale Gewalt, mit der wir uns als Leser und Leserinnen auseinandersetzen müssen. Insbesondere, da die meisten Sprüche nicht unbekannt sein sollten, denn sie sind bereits Teil unseres digitalen Alltags. Wie auch Kitty leben wir in einer Welt, in der einerseits alles normal ist und andererseits Hassparolen ungeniert in den Ether geblasen werden. Sie sind Teil der Routine geworden. Es wurden Protokolle eingerichtet, um mit ihnen umzugehen. Es gibt Personal, das sich darum kümmert. Aus diesem Kontrast entfaltete der Comic still und leise seine schlagkräftige Wirkung. Ein brandaktuelles Thema, erzählt in schlichter schwarz-weißer Strichführung und mit überzeugenden Figuren. Für uns als Jury, ganz klar der Gewinner in der Kategorie ‚Bester Langcomic‘.

- Vanessa Ossa

Herzenscomics 2021

Neben den Gewinner*innen der Hauptkategorien gab es andere Einreichungen, die das Preiskomitee aus verschiedenen Gründen besonders berührt und bewegt haben und die daher unbedingt auch ausgezeichnet werden sollten — oder mussten!

Diese beiden Herzenscomics der Jury 2021 wurden mit je 150€ ausgezeichnet:

LIFE IN PIXELS von Seda Demiriz (Instagram)

Laudatio: „‚Genau so war es!! - wie toll!‘ Das dachte ich die ganze Zeit, während ich Life in Pixels gelesen habe. Life in Pixels, so heißt der Webcomic der Autorin und Künstlerin Seda Demiriz über das Leben und Aufwachsen in einer sich digitalisierenden Welt. Auf Instagram entführt sie uns zweimal pro Woche auf eine schöne Reise in die Vergangenheit – mit all ihren Faszinationen, Neuentdeckungen und Erlebnissen rund um die Zeit als das Internet wirklich noch Neuland war. Mit Präzision weckt die Künstlerin ein wohliges Gefühl der Nostalgie . Daneben beeindruckt Seda Demiriz mit der hohen Diversität der Charaktere, die mit viele Liebe zum Detail gezeichnet sind. Diese Kombination aus Diversität und Charakterbeschreibung macht es einfach zu einem großen Vergnügen, die fünf Personen bei ihren täglichen Erlebnissen zu begleiten. Sowohl die englische Sprache als auch der reduzierte Zeichenstil mit dickem Strich passen sehr gut zu dieser Zeit des Aufbruchs in eine digitale Zukunft. Der Stil erleichtert zudem das Lesen auf Tablet und Smartphone. Mit selbstreflektiertem Witz lässt die Autorin den Comic im Web erscheinen und gibt ihm damit genau die richtige Plattform. Und weil ich es kaum mehr aushalte, bis der nächste Comic erscheint, ist Life in Pixels mein Herzenscomic beim Ginco Award 2021.

- Büke Schwarz

 

DAS UNBEHAGEN DES GUTEN MENSCHEN von Noëlle Kröger nach Bertolt Brecht (Eigenverlag)

Laudatio: „Dass diese sehr komplette Geschichte noch keinen Verlag gefunden hat, ist eigentlich kaum zu glauben. Umso besser, dass dieses Juwel per Eigenpublikation den Weg in die Welt gefunden hat. Manche Lesende merken früher, andere später, dass hier literarische und (pop-) kulturelle Verweise und Anleihen zitiert und miteinander verwoben werden, die scheinbar erst einmal nichts miteinander zu tun haben: Bertolt Brecht trifft auf Judith Butler, Goethe auf Björk. Es entsteht eine Collage, in der die Zeichnerin und Autorin trotzdem eine in sich geschlossene Handlung aufbaut. Die Geschichte um eine(n) mysteriöse(n) Ladenbesitzer(in) mit unklarer Herkunft, einen obskuren Kriminalfall und seine Ver- und Entwirrung entfaltet sich zunächst sperrig und dann in voller Genialität — unterstützt durch verzerrte, schräge Perspektiven und eine wechselnde, dynamische Panelaufteilung. Ideen von Ver- und Misstrauen, Fremdsein und Fremdgemachtwerden, auch Geschlechterfragen und Crossdressing sind Themen, die behandelt werden. Dieser Langform-Erstling, entstanden in einem Projektkurs an der HAW Hamburg mit Dank an Sascha Hommer und Anke Feuchtenberger im Impressum, ist beeindruckend und liegt hoffentlich bald in gedruckter Form auch bald einem breiteren Publikum vor.“

- Markus Pfalzgraf

 

Wir gratulieren noch einmal herzlich allen Preisträger*innen und danken dem Komitee 2021 für die Sichtung aller Einreichungen.